6 Gedichte

Gedichte mit 20 Versen

Sechs neue Gedichte mit jeweils zwanzig Versen über Alltag, Erinnerung, Natur und leise Veränderungen.

Zwanzig Verse geben einem Gedicht genug Raum für eine kleine Bewegung, ohne dass der Gedanke sich verliert. Jede Zeile kann eine Beobachtung tragen und zugleich auf die nächste verweisen.

Diese Originalgedichte nutzen die feste Zeilenzahl unterschiedlich: erzählend, bildhaft, ruhig oder mit einem überraschenden Wechsel. Die Form bleibt sichtbar, doch sie wird nicht zum bloßen Zählspiel.

01
ruhig·lesen

Der Weg zum See

Hinter dem Haus
beginnt ein schmaler Weg.
Kies knirscht unter Schuhen,
Gräser streifen die Knie.
Am Zaun wartet Rost,
im Feld eine Krähe.
Der Wind trägt Wolken
über die flache Landschaft.
Niemand ruft meinen Namen,
kein Motor stört den Morgen.
Dann öffnet sich Wasser,
grau zwischen grünen Ufern.
Ein Boot liegt verkehrt,
Regen sammelt sich darin.
Ich setze mich daneben,
als wäre ich verabredet.
Der See sagt nichts,
doch seine kleinen Wellen
schieben die lange Woche
langsam aus meinem Blick.
02
alltäglich·vorlesen

Zwanzig Stufen

Die Treppe zählt anders
als meine Beine.
Auf Stufe eins liegt Post,
auf zwei ein Faden.
Drei riecht nach Suppe,
vier nach frischer Farbe.
Bei fünf höre ich
ein Kind im Hof lachen.
Sechs bis zehn verschwimmen
im Takt des Geländers.
Elf bringt ein Fenster,
Regen glänzt auf Dächern.
Zwölf trägt einen Kratzer,
dreizehn meinen Schatten.
Vierzehn, fünfzehn, sechzehn:
der Schlüssel wird gesucht.
Noch drei tiefe Atemzüge,
dann wartet vor der Tür
kein Ziel, nur Zuhause
und Licht im Flur.
03
beobachtend·schule

Inventar des Herbstes

Eine Kastanie im Mantel,
zwei Blätter im Haar.
Der Park leert Bänke,
der Kiosk schließt früher.
Auf nassem Asphalt
zerbricht gelbes Licht.
Ein Hund verfolgt Gerüche,
die niemand sehen kann.
Neben dem Spielplatz
wartet ein roter Ball.
Die Schaukel bewegt sich
noch ohne ein Kind.
Aus offenen Fenstern
kommt der Klang von Tellern.
Der Abend wird kühl,
die Hände suchen Taschen.
Ich nehme nichts mit
als diesen stillen Bestand:
Herbst ist, was bleibt,
wenn der Sommer aufräumt.
04
hoffnungsvoll·karte

Nachricht auf Papier

Ich schreibe: Mir geht es
heute ein wenig besser.
Dann streiche ich heute,
weil Besserung Zeit braucht.
Das Papier bleibt geduldig,
auch bei schiefen Sätzen.
Draußen fährt ein Fahrrad
durch die frühe Dämmerung.
Ich schreibe deinen Namen,
lasse dahinter Platz.
Keine große Erklärung,
kein geliehenes Versprechen.
Nur Tee auf dem Tisch,
ein Fenster, halb geöffnet,
und der Wunsch, irgendwann
wieder gemeinsam zu lachen.
Zwanzig Zeilen reichen nicht
für alles, was fehlt.
Doch sie reichen vielleicht
für einen Anfang morgen.
05
nachdenklich·lesen

Werkstatt am Abend

Der Meister löscht Lampen,
nur hinten bleibt eine.
Späne glänzen auf Beton,
Werkzeug hängt in Reihen.
Ein unfertiger Stuhl
steht mitten im Raum.
Seine Lehne ist glatt,
das vierte Bein fehlt.
Heute wird nichts vollendet,
obwohl die Hände wollten.
Durch das Tor dringt Kälte,
draußen wartet der Bus.
Der Stuhl bleibt zurück,
nicht gescheitert, nur offen.
Morgen kommt Holz,
ein anderer Blick.
Arbeit kennt diese Pause,
die kein Ende bedeutet.
Im Dunkeln hält der Entwurf
seinen Platz für den Morgen.
06
innig·vorlesen

Am Rand des Festes

Im Saal tanzen Paare,
die Fenster sind beschlagen.
Ich stehe bei Mänteln
und ordne fremde Ärmel.
Musik hebt Gläser,
Lachen springt über Tische.
Niemand bemerkt sofort,
dass ich kurz verschwinde.
Im Hof riecht es
nach Stein und kalter Nacht.
Ein Stern hängt zwischen
zwei hohen Schornsteinen.
Ich atme ohne Takt,
bis der Kopf still wird.
Dann öffnet sich die Tür,
du bringst zwei Jacken.
Wir bleiben draußen,
ohne das Fest zu verlassen.
Manchmal beginnt Nähe dort,
wo der Lärm endet.