7 Gedichte

Gedichte zum 75. Geburtstag

Sieben neue Gedichte zum fünfundsiebzigsten Geburtstag über Erfahrung, Gegenwart und persönliche Wünsche.

Ein 75. Geburtstag würdigt gelebte Jahre, ohne daraus eine Bilanz oder eine Pflicht zur Dankbarkeit zu machen. Gegenwärtige Interessen bleiben ebenso wichtig wie Erinnerungen.

Diese Originalgedichte sind für Karten und Ansprachen gedacht. Sie lassen unterschiedliche Lebensläufe und Familienformen offen.

01
würdig·karte

Viele Fenster

Fünfundsiebzig Jahre öffnen
viele Fenster in Erinnerung.
Nicht jedes zeigt Sonne,
nicht jedes muss heute auf.
Wir feiern den Ausblick,
den du selbst wählen möchtest.
02
verbunden·ansprache

Heute am Tisch

Heute sitzen Menschen
aus verschiedenen Zeiten an deinem Tisch.
Manche kennen deine Jugend,
andere erst dein spätes Lachen.
Du verbindest die Runde,
ohne dich erklären zu müssen.
03
entlastend·vorlesen

Ohne Rückschaupflicht

Niemand verlangt heute
einen vollständigen Lebensrückblick.
Du darfst Kuchen essen,
Musik wählen und Gespräche wechseln.
Fünfundsiebzig ist ein Fest,
keine öffentliche Prüfung.
04
lebendig·karte

Drei Viertel Jahrhundert

Drei Viertel Jahrhundert klingt
nach Archiv und dicken Büchern.
Du klingst eher nach
einem neuen Plan für morgen.
Große Zahlen dürfen
sehr gegenwärtig getragen werden.
05
innig·karte

Geschenkte Zeit

Wir schenken keine Uhr,
sondern einen freien Nachmittag.
Du bestimmst Weg, Tempo
und ob wir überhaupt hinausgehen.
Gemeinsame Zeit wird wertvoll,
wenn sie keine Pflicht erfüllt.
06
hoffnungsvoll·ansprache

Die nächste Seite

Die nächste Seite liegt leer,
aber nicht erwartungsvoll drohend.
Du kannst sie beschreiben,
überspringen oder bunt bekleben.
Im kommenden Jahr
wünschen wir dir Freiheit im Format.
07
festlich·ansprache

Die Stühle im Garten

Zum fünfundsiebzigsten Geburtstag stehen Stühle
unter dem alten Apfelbaum bereit.
Manche Gäste kennen dich seit der Schule,
andere erst seit wenigen Jahren.
Kinder laufen zwischen ihren Geschichten hindurch,
Gläser klingen, ein Foto wandert herum.
Du sitzt nicht am Ende einer langen Reihe,
sondern mitten in einem Kreis,
der heute deinetwegen größer geworden ist.