6 Gedichte

Kurze Abendgedichte

Sechs kurze Originalgedichte über Dämmerung, Heimkehr, Müdigkeit und die kleinen Übergänge in die Nacht.

Der Abend schließt nicht jeden Tag friedlich ab. Er kann Erleichterung, Unruhe, Einsamkeit oder einen letzten lebhaften Augenblick bringen.

Diese kurzen Gedichte beobachten konkrete Szenen zwischen Arbeit und Schlaf. Ihre Sprache bleibt knapp, ohne den Gedanken auf eine Formel zu reduzieren.

01
still·lesen

Licht in der Küche

Nur in der Küche brennt Licht,
der Rest der Wohnung schweigt.
Ein Teller trocknet im Gestell,
die Uhr geht hörbar weiter.
Der Abend wird nicht feierlich,
nur langsam übersichtlich.
02
müde·vorlesen

Heimweg im Bus

Im Bus spiegeln Fenster
mehr Gesichter als Straßen.
Jemand schläft gegen die Scheibe,
ein Handy summt vergeblich.
Haltestelle für Haltestelle
wird der Tag leichter getragen.
03
alltäglich·lesen

Letzte Wäsche

Auf dem Balkon hängt Wäsche
noch warm vom Nachmittag.
Wir nehmen sie im Dunkeln ab,
verlieren eine Socke.
Morgen wird sie gefunden;
heute reicht der volle Korb.
04
staunend·karte

Abendrot am Parkhaus

Über dem grauen Parkhaus
brennt ein unerwartetes Rot.
Einkaufswagen klappern darunter,
Motoren suchen Ausfahrten.
Selbst ein müder Ort
bekommt kurz einen Horizont.
05
erleichtert·karte

Nachricht vor dem Schlaf

Deine Nachricht kommt spät:
Bin gut angekommen.
Vier Wörter lösen den Knoten,
den Sorge heimlich geknüpft hat.
Ich lösche das Licht
und glaube ihnen bis morgen.
06
beobachtend·lesen

Das Fenster gegenüber

Im Fenster gegenüber gießt jemand
eine Pflanze im blauen Hemd.
Wir kennen einander nicht,
doch teilen dieselbe Dämmerung.
Dann gehen beide Lichter aus,
jedes in seine Nacht.