7 Gedichte

Bayrische Gedichte

Sieben neue bayrisch gefärbte Gedichte über Wirtshaus, Berge, Dorfleben, Wetter und Heimat ohne folkloristische Postkartenstarre.

Bayern ist mehr als ein Katalog bekannter Symbole. Zwischen Stadtvierteln, Höfen, Seen, Werkstätten und Bergen entstehen sehr verschiedene Stimmen, die Nähe zur Landschaft ebenso kennen wie Distanz zum Klischee.

Diese Originalgedichte verwenden einzelne bairische Wendungen sparsam und verständlich. Entscheidend sind konkrete Szenen und Menschen, nicht die Nachahmung einer vermeintlich einheitlichen Mundart.

01
gelassen·lesen

Frühschicht am See

Noch vor den Ausflugsbooten
kehrt eine Frau die Terrasse.
Der See trägt Nebel,
die Berge halten Abstand.
„Passt scho“, sagt sie zum Wetter
und stellt die Stühle hinaus,
als ließe sich der Tag
mit ruhigen Händen überzeugen.
02
heimatlich·vorlesen

Der letzte Bus ins Dorf

Am Bahnhof warten drei Leute,
ein Rucksack und ein Kuchen.
Der letzte Bus kommt brummend,
der Fahrer kennt jedes Gesicht.
Hinter Kurven werden Fenster dunkel;
nur über dem Feuerwehrhaus
bleibt Licht für die Probe
der Blaskapelle am Donnerstag.
03
freundlich·karte

Brotzeit im Regen

Der Regen überrascht die Wanderer
weit oberhalb der Baumgrenze.
Unter einem schmalen Vordach
werden Brot und Käse geteilt.
Keiner sieht heute den Gipfel,
doch jemand schenkt Tee nach.
Manchmal ist die beste Aussicht
ein trockener Platz miteinander.
04
ruhig·lesen

Wirtshaus ohne Musik

Die Kapelle hat Feierabend,
die Stühle stehen auf Tischen.
Zwei Männer reden noch leise
über Holzpreise und den Sohn.
Draußen glänzt das Pflaster.
Die Wirtin löscht das Schild,
lässt aber über der letzten Runde
eine kleine Lampe brennen.
05
wechselhaft·schule

Föhn über den Dächern

Der Föhn macht die Berge nah,
fast scharf genug zum Berühren.
Auf Balkonen klappern Kästen,
Kopfschmerzen ziehen durch Büros.
Am Abend bricht die klare Täuschung;
die Gipfel rücken zurück,
und Regen wischt den Horizont
wieder an seinen Platz.
06
wehmütig·karte

Servus an der Tür

„Servus“ kann Anfang heißen
und ebenso ein gutes Ende.
Du sagst es an der Haustür,
den Schlüssel schon in der Hand.
Der Hof riecht nach nassem Gras.
Wir wissen nicht, wann wieder,
aber das kleine Wort trägt
beide Richtungen ohne Mühe.
07
heimatlich·vorlesen

Abend an der Dorfstraße

Am Abend trägt die Dorfstraße
den Geruch von Holzrauch und feuchtem Gras.
Vor dem Wirtshaus werden Stühle gerückt,
ein Rad lehnt schief am Gartenzaun.
Vom Kirchturm fällt die Stunde
über Dächer, Felder, abgestellte Traktoren.
Dann grüßt jemand im Vorbeigehen,
kurz und selbstverständlich,
als wäre Zugehörigkeit ein alltäglicher Laut.