7 Gedichte

Gedichte über Heimat

Sieben neue Gedichte über Heimat als Ort, Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit, offen für ambivalente und veränderte Beziehungen.

Heimat kann ein Haus, eine Sprache oder der Geruch eines Treppenhauses sein. Sie kann tragen, einengen, verloren gehen oder an einem neuen Ort langsam entstehen. Nicht jede Herkunft fühlt sich automatisch sicher an.

Diese Originalgedichte lassen unterschiedliche Erfahrungen nebeneinanderstehen. Sie behaupten keine einzige richtige Heimat und vermeiden nationale oder romantisierende Gewissheiten; im Mittelpunkt stehen konkrete Orte, Gewohnheiten und Entscheidungen.

01
melancholisch·lesen

Der Schlüssel passt nicht mehr

Der alte Schlüssel liegt
noch immer in meiner Schublade.

Am früheren Haus wurde
das Schloss längst ausgetauscht.
Heimat kann in Metall bleiben,
auch wenn keine Tür mehr öffnet.
02
hoffnungsvoll·karte

Brot von der Ecke

In der neuen Stadt finde ich
eine Bäckerei mit dunklem Brot.

Der Geschmack ist nicht derselbe,
aber nah genug für Sonntag.
Manche Ankunft beginnt
mit einer vertrauten Kruste.
03
lebhaft·vorlesen

Zwei Sprachen am Tisch

Beim Essen wechseln wir
mitten im Satz die Sprache.

Ein Wort passt hier besser,
das nächste kommt von früher.
Unsere Heimat spricht nicht rein,
sondern mit vollem Mund.
04
klar·lesen

Bahnhof des Geburtsortes

Der Zug hält drei Minuten
an meinem alten Bahnhof.

Ich steige nicht aus,
erkenne Kiosk und Unterführung.
Der Ort bleibt Teil von mir,
ohne wieder Ziel zu werden.
05
entschlossen·lesen

Haus ohne gute Erinnerung

Nicht jedes frühere Haus
verdient ein warmes Gedicht.

Ich lasse seine Fenster
in der Vergangenheit geschlossen.
Meine Heimat beginnt dort,
wo ich heute sicher schlafe.
06
warm·karte

Die neue Nachbarin grüßt

Seit Wochen trage ich Kisten
durch das fremde Treppenhaus.

Heute nennt die Nachbarin
zum ersten Mal meinen Namen.
Der Flur sieht gleich aus,
aber ich gehe anders hindurch.
07
heimkehrend·lesen

Ankunft ohne Stadtplan

Der Zug hält nur zwei Minuten.
Auf dem Bahnsteig riecht es nach Regen,
die Bäckerei gegenüber trägt noch denselben Namen.
Ich brauche keinen Stadtplan.
Meine Füße kennen die Abkürzung am Fluss,
die lose Platte vor dem alten Haus.
Heimat ist nicht alles, was blieb,
sondern auch das,
was mich trotz Veränderung wiedererkennt.