6 Gedichte

Deutsche Gedichte

Neue deutschsprachige Gedichte über Alltag, Landschaft, Erinnerung und Veränderung – mit kurzen und längeren Formen.

Deutsche Gedichte sind keine einzelne Stilrichtung. Sie können klar oder bildreich, leise oder erzählend sein und ihre Themen mitten im heutigen Alltag finden.

Diese Sammlung enthält ausschließlich neue Originaltexte. Sie versammelt unterschiedliche Längen, Stimmen und Szenen, ohne bekannte Autorinnen oder Autoren nachzuahmen.

01
beobachtend·vorlesen

Morgen am Bahnhof

Auf Gleis drei friert der erste Kaffee
in einem Becher aus dünner Pappe.
Ein Mann liest Nachrichten,
ein Kind zählt die roten Waggons.

Dann fährt der Regionalzug ein
und sammelt unsere verschiedenen Gründe,
heute so früh unterwegs zu sein.
Für einen Augenblick stehen wir zusammen,
bevor jede Tür uns
in eine andere Richtung mitnimmt.
02
ruhig·vorlesen

Kleinstadt im November

Die Bäckerei öffnet vor dem Licht.
Auf dem Marktplatz kehrt jemand Blätter,
die der Wind sofort zurückbringt.

Hinter beschlagenen Fenstern
beginnen Gespräche mit denselben Namen.
Nur der Fluss am Ortsrand
trägt jeden Morgen anderes Wasser
unter der alten Brücke hindurch.
04
klar·vorlesen

Hinter dem Deich

Der Wind kommt ohne Umweg vom Wasser.
Er drückt die Jacke an den Körper
und nimmt jedes gesprochene Wort
mit hinaus über das flache Land.

Schafe stehen ruhig im nassen Gras,
als hätten sie das Wetter bestellt.
Hinter dem Deich taucht ein Haus auf,
klein unter dem weiten Himmel,
und aus seinem Schornstein steigt Rauch
gerade genug für ein Zuhause.
05
erinnernd·nachdenken

Der alte Küchenschrank

Die Schublade klemmt noch immer
an derselben Stelle wie früher.
Darin liegen Gummibänder, Rezepte
und ein Schlüssel ohne bekannte Tür.

Ich suche nur eine Schere
und finde einen Zettel deiner Hand.
Plötzlich steht der ganze Nachmittag
wieder in dieser Küche.
06
dankbar·vorlesen

Nach dem Fest

Auf dem Tisch stehen leere Gläser,
zwischen Tellern liegen zerknitterte Servietten.
Die Gäste sind längst nach Hause gefahren,
doch im Flur hängt noch ihr Lachen.

Wir öffnen die Fenster zur kühlen Nacht
und tragen gemeinsam Geschirr in die Küche.
Keiner sagt, dass es schön gewesen ist.
Das muss auch niemand sagen.
Es liegt in jeder langsamen Bewegung
und bleibt, als das Licht ausgeht.