7 Gedichte

Gedichte für Enkelkinder

Sieben neue Gedichte für Enkelkinder unterschiedlichen Alters, über gemeinsame Zeit, Entfernung, Fragen, Familienalltag und eigene Wege.

Enkelkinder bringen nicht nur Freude, sondern auch neue Wörter, andere Tagesrhythmen und Fragen, auf die Großeltern keine fertige Antwort haben müssen. Die Beziehung verändert sich, wenn Kinder älter werden oder weiter weg wohnen.

Diese Originalgedichte sprechen zu kleinen und erwachsenen Enkelkindern, ohne ihnen Ratschläge aufzudrängen. Sie bleiben bei gemeinsamen Szenen und lassen Nähe auch dann bestehen, wenn Lebenswege verschieden verlaufen.

01
verschmitzt·vorlesen

Taschenlampe unter der Decke

Du liest unter der Decke
mit meiner alten Taschenlampe.

Eigentlich ist längst Schlafenszeit,
doch die Geschichte hat noch Seiten.
Ich schließe leise die Tür
und verrate uns beide nicht.
02
staunend·karte

Deine vielen Warum

Du fragst, warum der Mond
am Morgen noch zu sehen ist.

Ich beginne eine Erklärung,
verliere mich beim zweiten Satz.
Wir schauen gemeinsam hinaus.
Nicht jede Frage braucht Eile.
03
warm·nachricht

Videoanruf am Sonntag

Dein Gesicht erscheint zu nah,
dann nur noch die Zimmerdecke.

Du zeigst mir eine Pflanze,
dein Essen und die neue Wohnung.
Die Entfernung bleibt bestehen,
aber sie bekommt vier Wände.
04
gelassen·karte

Kuchenrezept mit Flecken

Du rührst nach meinem Rezept,
änderst Zucker und Backzeit.

Der Kuchen wird anders
und überraschend besser.
Familienwissen darf weitergehen,
ohne gleich zu bleiben.
05
zärtlich·lesen

Dein erster eigener Weg

Du gehst zur Haltestelle,
ohne meine Hand zu suchen.

Ich sehe dir vom Fenster nach,
bis die Ecke dich nimmt.
Stolz und Sorge passen
heute in denselben Blick.
06
ruhig·karte

Der Platz neben mir

Am Familientisch wird es laut,
die Stühle stehen eng.

Neben mir bleibt ein Platz,
auch wenn du später kommst.
Nähe ist manchmal nur
ein nicht vergebener Stuhl.
07
zärtlich·karte

Samstag mit euch

Wenn ihr kommt, wandern Sofakissen
zu Burgen mitten ins Wohnzimmer.
Der Tisch wird Werkstatt, Höhle, Bahnhof,
die Uhr verliert ihre Zuständigkeit.
Später liegen Stifte unter Schränken
und Keksbrösel bis im Flur.
Wenn die Haustür abends zufällt,
ist es plötzlich ordentlich still.
Ich lasse die Kissenburg noch stehen.