6 Gedichte

Gedichte mit 16 Versen

Sechs neue Gedichte mit jeweils exakt sechzehn Versen über Alltag, Natur und Erinnerung.

Sechzehn Verse bieten genug Raum für eine kleine Entwicklung und verlangen zugleich klare Auswahl. Die Form soll einen Gedanken tragen, nicht bloß Zeilen zählen.

Diese Originalgedichte erfüllen die Zeilenzahl exakt und nutzen unterschiedliche Bewegungen, Stimmen und Schlüsse.

01
warm·lesen

Morgenbäckerei

Um fünf brennt Licht
hinter der Backstube.
Mehl liegt auf Tischen,
Bleche klappern leise.
Der Teig hat geruht,
während die Straße schlief.
Hände formen Brötchen,
ein Ofen öffnet Hitze.
Draußen kommt der Bus,
erste Fenster werden hell.
Noch kennt niemand
den Duft dieses Morgens.
Dann dreht sich das Schild,
die Ladentür geht auf.
Ein Arbeitstag beginnt
mit warmem Brot.
02
nachdenklich·karte

Der Schlüsselbund

Fünf Schlüssel hängen
an einem schweren Ring.
Einer öffnet mein Fahrrad,
einer den Keller.
Zwei gehören zu Türen,
die es nicht mehr gibt.
Ich trage sie weiter,
ohne ihren Zweck.
Metall erinnert anders
als ein altes Foto.
Es passt noch genau,
findet nur kein Schloss.
Heute löse ich einen
vorsichtig aus dem Bund.
Die Tasche wird leichter,
die Tür bleibt Erinnerung.
03
lebhaft·vorlesen

Regen auf dem Markt

Planen fangen Wasser,
Kisten rücken zusammen.
Eine Händlerin deckt Pfirsiche,
der Wind hebt Papier.
Kundinnen öffnen Schirme,
bleiben trotzdem stehen.
Dill riecht stärker,
Steine werden schwarz.
Ein Kind zählt Tropfen
auf einer roten Waage.
Dann bricht Sonne
durch zwei graue Wolken.
Der Markt schüttelt Regen ab
und verkauft weiter.
Nur unter den Tischen
bleiben kleine Seen.
04
trauernd·gedenken

Brief ohne Adresse

Ich schreibe deinen Namen
oben auf das Blatt.
Darunter bleibt lange
nur ein leerer Raum.
Welche Straße erreicht jemanden,
der nicht mehr lebt?
Ich erzähle vom Umzug,
von Arbeit und Schnee.
Der Stift hält inne,
als könnte er zuhören.
Am Ende falte ich
den Brief nicht zusammen.
Er bleibt auf dem Tisch,
offen für morgen.
Manche Nachrichten brauchen
keinen Briefkasten.
05
still·schule

Spielplatz im Winter

Die Schaukel hängt still,
Sand ist hart gefroren.
Auf der Rutsche liegt
ein dünner Schneestreifen.
Zwei Spatzen prüfen Krümel,
der Wind dreht ein Rad.
Keine Kinderstimme ruft,
kein Ball springt fort.
Doch unter der Bank
liegt ein roter Handschuh.
Er wartet seit gestern
auf eine kleine Hand.
Der Spielplatz ist leer,
aber nicht verlassen.
Spuren erzählen weiter
von einem kalten Nachmittag.
06
erwartungsvoll·lesen

Vorbeiziehende Felder

Felder laufen rückwärts,
mein Gesicht bleibt vorn.
Dörfer zeigen Dächer,
verschwinden hinter Bäumen.
Jemand telefoniert leise,
ein Kind öffnet Saft.
Der Schaffner prüft Karten,
die Landschaft keine.
Zwischen zwei Städten
gehöre ich keinem Ort.
Der Sitz trägt Müdigkeit,
das Fenster Möglichkeiten.
Dann erscheint dein Bahnhof,
langsam und vertraut.
Meine Spiegelung löst sich,
als die Tür aufgeht.