7 Gedichte

Gedichte ohne Reim

Sieben neue ungereimte Gedichte über Alltag, Beziehung und Beobachtung in freier Form.

Ein Gedicht braucht keinen Endreim, um Rhythmus, Klang und Spannung zu entwickeln. Zeilenbruch, Wiederholung und Bildführung können Sprache anders ordnen.

Diese Originalgedichte verzichten bewusst auf Reimschemata. Jede Form entsteht aus dem Inhalt statt aus einer vorgegebenen Klangschablone.

01
beobachtend·lesen

Die Pflanze im Wartezimmer

Die Pflanze im Wartezimmer
hat staubige Blätter.
Niemand weiß, wer sie gießt.
Trotzdem wächst ein neuer Trieb
zur einzigen hellen Stelle
zwischen zwei geschlossenen Türen.
02
trocken·vorlesen

Kassenbon

Der Kassenbon ist länger
als mein Einkauf.
Zwischen Zahlen steht
ein gesparter kleiner Betrag.
Ich falte das Papier
und vergesse den angeblichen Gewinn.
03
wehmütig·karte

Dein Stuhl

Seit du ausgezogen bist,
steht der Stuhl anders.
Niemand hat ihn verschoben.
Nur der Raum um ihn
ist größer geworden
und schwerer zu betreten.
04
würdig·lesen

Hände in der Backstube

Mehl liegt tief in den Linien
der Hände.
Wasser macht Teig,
Hitze macht Brot.
Dazwischen bleibt Arbeit,
die morgens niemand sieht.
05
unruhig·karte

Gelesen

Unter meiner letzten Nachricht steht
seit gestern: gelesen.
Kein zweites Zeichen.
Ich erfinde fünf Gründe
und glaube keinem davon
lange genug.
06
hoffnungsvoll·vorlesen

Fahrradlicht

Das Fahrradlicht zeichnet
einen kleinen Kreis
auf den dunklen Weg.
Es zeigt nicht die Zukunft,
nur genug Asphalt
für den nächsten Meter.
07
klar·unterricht

Die ungeordnete Wäsche

Auf der Leine hängen Hemden,
ein Handtuch, zwei verschiedene Socken.
Nichts sucht den passenden Klang.
Der Wind bewegt jedes Stück anders,
und trotzdem gehört alles zu diesem Morgen.
Auch ein Gedicht darf so stehen:
ohne Endreim, ohne saubere Paarung,
aber mit genügend Luft zwischen den Zeilen,
damit Bedeutung sich bewegen kann.