7 Gedichte

Gedichte über das Fahrrad

Sechs neue Gedichte über Fahrräder, über Gegenwind, Schulwege, Reparaturen, Stadtverkehr und die erste Fahrt ohne helfende Hand.

Ein Fahrrad verbindet Freiheit mit sehr konkreten Dingen: einer abgesprungenen Kette, kalten Fingern am Lenker und dem Geräusch, das nur der eigene lockere Schutzblechhalter macht.

Diese Originalgedichte führen durch Stadt, Dorf und Werkstatt. Sie feiern das Fahren, ohne Straßenverkehr oder Stürze zu romantisieren, und wechseln zwischen kindlicher Aufregung, Alltagsärger und ruhiger Bewegung.

01
aufgeregt·vorlesen

Die erste Fahrt ohne Hand

Deine Hand verlässt den Sattel,
ohne dass du es sagst.

Ich fahre drei Meter allein,
dann direkt ins weiche Gras.
Beim Aufstehen bin ich wütend
und zugleich ein wenig größer.
02
trocken·teilen

Gegenwind zur Arbeit

Am Morgen bläst der Wind
genau gegen meinen Lenker.

Am Abend hat er gedreht
und wartet wieder von vorn.
Die Wetterlage kennt offenbar
meinen vollständigen Arbeitsweg.
03
entschlossen·lesen

Die Kette an der Kreuzung

Die Kette springt ab
mitten vor der grünen Ampel.

Autos ziehen ungeduldig vorbei,
meine Finger werden schwarz.
Zwei Minuten später fährt
das kleine Zahnrad wieder Welt.
04
lebhaft·schule

Schulweg im September

Der Ranzen zieht nach hinten,
der Morgen riecht nach Regen.

Drei Kinder fahren nebeneinander,
bis ein Auto sie trennt.
Am nächsten ruhigen Stück
findet die Gruppe wieder zusammen.
05
nostalgisch·lesen

Das alte Rad im Keller

Das alte Rad trägt Staub,
ein Reifen ist ganz weich.

Früher kannte es jeden Feldweg,
heute lehnt es hinter Kartons.
Ich drehe kurz die Klingel.
Der Ton hat nichts vergessen.
06
ruhig·karte

Abendrunde am Kanal

Am Kanal wird der Weg
mit jedem Kilometer leerer.

Das Wasser hält den Himmel,
mein Licht einen schmalen Streifen.
Ich fahre nicht schnell,
nur weit genug vom Tag fort.
07
frei·vorlesen

Sonntag auf dem alten Rad

Das Fahrrad stand den Winter über
hinter Kisten im Keller.
Heute pumpe ich Luft in die Reifen,
wische Staub vom verblichenen Rahmen
und fahre ohne Ziel aus der Stadt.

Am Kanal riecht es nach Gras und Wasser.
Die Kette knackt bei jedem Anstieg,
doch bergab erinnert sich alles:
der Lenker, meine Beine
und dieser leichte Mut zur Geschwindigkeit.