7 Gedichte

Gedichte zum Wandern

Neue Gedichte über das Wandern, über steile Wege, Pausen, falsche Abzweigungen und das gemeinsame Ankommen.

Beim Wandern besteht die Aussicht nicht nur aus Gipfeln. Auch nasse Schnürsenkel, ein zerdrücktes Pausenbrot und die Frage, ob der Wegweiser wirklich hierher zeigen soll, gehören zum Tag.

Diese Originalgedichte führen durch unterschiedliche Landschaften und Stimmungen. Sie eignen sich zum Vorlesen, für eine Wanderkarte oder einfach für Menschen, die lieber Schritt für Schritt als in großen Sprüchen unterwegs sind.

01
trocken·vorlesen

Der erste Anstieg

Der Weg beginnt ganz harmlos,
dann wird er plötzlich steil.

Wir reden weniger als unten,
hören Schuhe auf dem Kies.
Oben sagt niemand etwas Großes.
Wir trinken erst einmal Wasser.
02
heiter·karte

Wegweiser mit zwei Pfeilen

Zwei Pfeile zeigen nach links,
einer ein wenig nach rechts.

Wir drehen die Karte,
als ließe sie sich überzeugen.
Dann wählen wir den schmalen Weg
und nennen den Umweg Absicht.
03
gemütlich·vorlesen

Brotzeit am Waldrand

Das Brot ist etwas flach,
der Apfel trägt eine Druckstelle.

Auf dem Baumstamm schmeckt beides
besser als am Küchentisch.
Eine Ameise prüft die Krümel.
Wir teilen nicht ganz freiwillig.
04
verschmitzt·teilen

Die Regenjacke im Rucksack

Seit Stunden tragen wir Regenjacken,
der Himmel bleibt makellos blau.

Kaum liegen sie im Rucksack,
fällt der erste schwere Tropfen.
Der Berg besitzt offenbar
einen ausgezeichneten Sinn für Timing.
05
ruhig·lesen

Schritte im Nebel

Der Nebel nimmt den Gipfel,
die Bäume und den nächsten Hang.

Nur unsere Schritte bleiben sichtbar,
jeweils ein paar Meter weit.
Heute genügt der Weg,
ohne zu zeigen, wohin er führt.
06
zufrieden·karte

Wieder am Parkplatz

Die Schuhe tragen halben Wald,
die Beine melden jeden Abstieg.

Im Auto beschlagen die Scheiben,
niemand will noch aussteigen.
Morgen wird aus der Anstrengung
eine besonders schöne Strecke.
07
heiter·vorlesen

Hinter der nächsten Kurve

Der Weg steigt länger, als die Karte verspricht.
Wir teilen den letzten Apfel,
ziehen die Jacken aus und behaupten,
die Aussicht müsse bald beginnen.

Hinter der nächsten Kurve wartet
nur eine weitere Kurve auf uns.
Trotzdem gehen wir weiter,
bis plötzlich das Tal offen daliegt
und selbst der Umweg aussieht,
als hätte er genau hierher geführt.