7 Gedichte

Gedichte über den Morgen

Sieben neue Gedichte über frühe Arbeit, Aufwachen, Wege und unterschiedliche Morgenstimmungen.

Morgen bedeutet nicht automatisch Neubeginn oder gute Laune. Müdigkeit, Sorge, Routine und Vorfreude betreten den Tag auf sehr verschiedene Weise.

Diese Originalgedichte beobachten konkrete erste Stunden. Sie vermeiden Motivationssprüche und lassen auch schwere Morgen gelten.

01
müde·lesen

Vor Sonnenaufgang

Der Wecker klingelt,
das Fenster bleibt schwarz.
In der Küche brummt
der Kühlschrank als erstes Geräusch.
Ich beginne den Morgen,
bevor er draußen sichtbar wird.
02
beobachtend·vorlesen

Sechs Uhr zehn

Vier Menschen warten schweigend,
Kaffee dampft aus Bechern.
Ein Bus biegt um die Ecke,
innen brennt warmes Licht.
Der Arbeitstag sammelt uns
an einer kalten Haltestelle.
03
ehrlich·lesen

Zu früh wach

Das Kind ist seit fünf wach
und baut Züge im Flur.
Wir Eltern wechseln müde
zwischen Kaffee und Schienen.
Sein Morgen hat Energie,
unserer nur Anwesenheit.
04
erleichtert·karte

Die Nachricht

Noch im Bett lese ich
deine kurze gute Nachricht.
Der Raum bleibt unverändert,
doch meine Schultern werden leichter.
Manche Morgen öffnen sich
mit einem einzigen Satz.
05
warm·vorlesen

Am Bäckerfenster

Hinter dem Bäckerfenster stapelt
eine Hand warme Bleche.
Draußen wartet eine kleine Schlange,
die Straße ist noch leer.
Frühe Arbeit gibt
der Nachbarschaft ihren Duft.
06
behutsam·karte

Ein schwerer Morgen

Heute fühlt sich Aufstehen
wie eine lange Strecke an.
Ich setze zuerst nur Füße
auf den kalten Boden.
Der Tag muss nicht glänzen;
der nächste Schritt genügt.
07
beobachtend·vorlesen

Die erste Bahn

Um sechs fährt die erste Bahn
durch Straßen voller geschlossener Läden.
Eine Pflegerin trinkt Kaffee im Stehen,
ein Bäcker trägt Mehl an der Jacke.
Hinter Fenstern gehen einzelne Lichter an.
Der Morgen kommt nicht auf einmal.
Er verteilt sich über Haltestellen, Backbleche
und müde Gesichter,
bis die Stadt gemeinsam wach geworden ist.