7 Gedichte

Gedichte über die Corona-Zeit

Sieben behutsame Originalgedichte über Alltag, Distanz, Arbeit, Verlust und Erinnerung während der Corona-Pandemie.

Die Pandemie wurde sehr unterschiedlich erlebt. Krankheit, Isolation, Sorgearbeit, berufliche Belastung und politische Konflikte lassen sich nicht auf eine gemeinsame sentimentale Erfahrung reduzieren.

Diese Gedichte halten konkrete Alltagsszenen fest und vermeiden medizinische Behauptungen. Sie behandeln Trauer und Belastung respektvoll, ohne die Zeit nachträglich zu verklären.

01
nüchtern·lesen

Kreise auf dem Boden

Kreise kleben auf dem Boden
vor der geöffneten Apotheke.
Menschen warten mit Abstand,
Gesichter halb hinter Stoff.
Ein gewöhnlicher Einkauf bekommt
plötzlich Regeln und Gewicht.
02
wehmütig·vorlesen

Besuch am Fenster

Wir stehen unten im Hof,
du winkst aus dem zweiten Stock.
Der Kuchen bleibt in einer Dose
vor der verschlossenen Tür.
Nähe muss heute Entfernung aushalten
und erfindet unbeholfene Gesten.
03
ernst·hommage

Nachtdienst

Unter der Maske drückt die Haut,
der Flur bleibt grell beleuchtet.
Eine Pflegekraft notiert Werte,
trinkt kalten Kaffee im Stehen.
Applaus erreicht diesen Nachtdienst nicht;
die Arbeit geht trotzdem weiter.
04
trocken·schule

Stummgeschaltet

Neun Gesichter sitzen in Kästchen,
eines friert mitten im Satz ein.
„Du bist noch stumm“,
wird zum häufigsten Hinweis.
Arbeit zieht in private Zimmer
und findet keinen richtigen Feierabend.
05
trauernd·gedenken

Der leere Stuhl

Beim ersten Treffen danach
bleibt ein Stuhl unbesetzt.
Niemand findet sofort Worte
für den Namen, der fehlt.
Wir stellen eine Blume hin
und lassen das Schweigen gemeinsam stehen.
06
vorsichtig·lesen

Tür zum ersten Besuch

Zum ersten Mal steht die Tür
wieder ohne Schild offen.
Wir treten ein, zögern kurz,
als müssten Körper Nähe neu lernen.
Freude und Vorsicht gehen zusammen
durch denselben hellen Flur.
07
erinnernd·nachdenken

Abstand vor der Bäckerei

Vor der Bäckerei zeigten Kreidestriche,
wo jeder Mensch warten sollte.
Wir erkannten Nachbarn hinter Masken
an Stimmen, Jacken und vorsichtigen Augen.
Im Fenster lagen Brote wie immer,
doch Hände reichten Geld durch Plastik.
Heute sind die Linien fast verschwunden.
Manche Erinnerung bleibt trotzdem
als Abstand im Körper bestehen.