7 Gedichte

Gedichte über die Zeit

Sieben neue Gedichte über Warten, Termine, Alter und subjektiv erlebte Zeit.

Zeit wird gemessen, geplant, verkauft und erinnert, aber nicht immer gleich erlebt. Eine Minute kann in Sorge lang und im Glück kaum bemerkbar sein.

Diese Originalgedichte bleiben bei Alltagsszenen statt abstrakten Lehrsätzen. Uhren, Körper und Beziehungen setzen unterschiedliche Takte.

01
ungeduldig·lesen

Die Warteminute

Die Anzeige bleibt
seit langem bei zwei Minuten.
Menschen wechseln ihre Füße,
ein Bus bleibt unsichtbar.
Gemessene Zeit und erlebte Zeit
stehen selten am selben Schild.
02
heiter·vorlesen

Die Küchenuhr

Die Küchenuhr geht
seit Jahren drei Minuten vor.
Wir wissen es alle
und beeilen uns trotzdem.
Eine falsche Zeit kann
eine ganze Familie erziehen.
03
angespannt·lesen

Besuchszeit

Eine Stunde im Krankenhaus
passt zwischen zwei Kontrollen.
Wir reden über Wetter,
vermeiden das große Ergebnis.
Als die Tür sich öffnet,
ist Zeit plötzlich zu kurz.
04
nachdenklich·schule

Der Jahresring

Im gefällten Stamm liegt
ein dunkler schmaler Ring.
Jemand nennt ein trockenes Jahr,
das der Baum überstand.
Zeit schreibt nicht nur Zahlen,
sondern Bedingungen in Holz.
05
verbunden·karte

Fünf Minuten

Wir treffen uns zufällig
vor dem geschlossenen Laden.
Fünf Minuten werden
zu einem langen ehrlichen Gespräch.
Manchmal wächst Zeit,
wenn niemand sie geplant hat.
06
ruhig·lesen

Ohne Termin

Am freien Tag klingelt
kein Wecker neben dem Bett.
Trotzdem wache ich früh auf,
der Körper kennt die Woche.
Zeitpläne verschwinden langsamer
als ihre Einträge.
07
nachdenklich·lesen

In der Uhrenwerkstatt

Auf dem Werktisch liegen fünf Uhren,
jede mit einer anderen Stille.
Der Uhrmacher öffnet vorsichtig Gehäuse,
prüft Federn, Räder und winzige Schrauben.
Draußen drängen Menschen durch den Regen.
Hier wird Zeit nicht gespart,
sondern Stück für Stück zerlegt,
gereinigt und wieder in Bewegung gesetzt,
bis ein leises Ticken den Raum erfüllt.