7 Gedichte

Gedichte über einen Neuanfang

Neue Gedichte über Neuanfänge, über Umzugskartons, erste Arbeitstage, veränderte Gewohnheiten und vorsichtige Schritte.

Ein Neuanfang fühlt sich selten vollständig neu an. Alte Tassen stehen im Umzugskarton, frühere Fehler fahren mit, und am ersten Morgen weiß man noch nicht, welcher Weg wirklich der kürzeste ist.

Diese Originalgedichte verzichten auf große Versprechen. Sie zeigen Anfänge als konkrete, manchmal unbequeme Bewegungen: eine Tür öffnen, einen Namen lernen, etwas zurücklassen oder eine Gewohnheit zum ersten Mal ändern.

01
vorsichtig·umzug

Der erste Schlüssel

Der neue Schlüssel klemmt,
die Tür braucht einen kleinen Druck.

Hinter ihr stehen Kartons,
ein Stuhl und fremdes Licht.
Ich trete ein und lerne
wie diese Wohnung geöffnet werden will.
02
nüchtern·beruf

Montag mit neuem Namen

Auf dem Schreibtisch liegt ein Schild
mit meinem Namen ohne Kratzer.

Ich vergesse drei Namen,
finde die Küche erst mittags.
Am Abend kenne ich immerhin
den Weg zurück zur Tür.
03
nachdenklich·lesen

Die alte Tasse im Karton

Zwischen neuen Tellern liegt
die Tasse mit dem Sprung.

Ich wollte sie aussortieren,
habe sie doch eingepackt.
Nicht jeder Neuanfang verlangt,
dass alles Vorherige verschwindet.
04
entschlossen·karte

Ein anderer Weg zum Bahnhof

Heute biege ich früher ab,
vor der vertrauten Bäckerei.

Der neue Weg ist länger,
doch niemand kennt meinen Schritt.
An der dritten Kreuzung
wird aus Absicht langsam Richtung.
05
befreit·abschied

Erste Nacht ohne Wecker

Zum ersten Mal seit Jahren
stelle ich keinen Wecker.

Die Dunkelheit fragt nicht,
was morgen aus mir wird.
Ich schlafe bis zum Morgen
und beginne mit offenem Kalender.
06
hoffnungsvoll·karte

Die Pflanze am neuen Fenster

Die Pflanze neigt sich
zur unbekannten Seite des Zimmers.

Gestern stand dort eine andere Wand.
Heute findet jedes Blatt
langsam seinen Winkel
und nennt das Licht nicht fremd.
07
hoffnungsvoll·vorlesen

Morgen in der neuen Wohnung

Die Kartons stehen noch ungeöffnet,
und jeder Schritt klingt fremd im Flur.
Du trinkst Kaffee aus einem Wasserglas,
weil die Tassen irgendwo unten liegen.

Durch das Fenster fällt ein anderes Licht.
Auf der Straße grüßt niemand deinen Namen.
Noch gehört dir hier keine Gewohnheit,
doch neben der Tür warten deine Schuhe,
und der erste Weg nach draußen
beginnt bereits, vertraut zu werden.