7 Gedichte

Gedichte über Sehnsucht

Sieben neue Gedichte über Sehnsucht nach Menschen, Orten, Möglichkeiten und einem noch unbekannten Leben, ohne jede Leerstelle vorschnell aufzulösen.

Sehnsucht richtet sich nicht immer auf eine abwesende Person. Sie kann einem Ort, einer ungelebten Möglichkeit oder sogar etwas noch Namenlosem gelten.

Diese Originalgedichte lassen das Verlangen offen und widersprüchlich. Manche Stimmen wollen aufbrechen, andere erkennen, dass auch die Rückkehr keine einfache Erfüllung verspricht.

01
verträumt·lesen

Geliehenes Licht

Im Fenster gegenüber brennt
noch lange nach Mitternacht Licht.
Ich kenne weder Zimmer noch Mensch,
und wünsche mich dennoch dorthin.
Sehnsucht kann eine Adresse erfinden,
bevor sie einen Namen besitzt.
02
fernwehvoll·vorlesen

Der Zug um sechs

Jeden Abend fährt ein Zug
hinter den Gärten nach Süden.
Ich höre ihn beim Abwasch,
halte jedoch keine Fahrkarte.
Sein Geräusch öffnet kurz
eine Reise, die nirgends gebucht ist.
03
zwiespältig·reflexion

Das Foto vom alten Hof

Das Foto zeigt den Hof
kleiner als meine Erinnerung.
Ich sehne mich nach seiner Stille,
fürchte aber die wirkliche Rückkehr.
Nicht jeder vermisste Ort
kann seine frühere Größe behalten.
04
nachdenklich·lesen

Die andere Werkbank

In einem Schaufenster liegen Hobel,
Meißel und glatte Holzstücke.
Ich gehe zur Arbeit weiter
und denke an ungelebte Jahre.
Sehnsucht blickt manchmal
auf eine nie gewählte Abzweigung.
05
verletzlich·karte

Die ungewählte Nummer

Deine Nummer steht bereit,
mein Finger ruht über dem Zeichen.
Ich sehne mich nach deiner Stimme
und scheue die ersten Sekunden.
Nähe kann gewünscht sein
und trotzdem Mut verlangen.
06
offen·reflexion

Noch ohne Bild

Ich weiß nicht, wonach ich suche,
nur dass der Tag zu eng wird.
Kein Land, kein Gesicht,
kein fertiger Plan erscheint.
Vielleicht beginnt Sehnsucht
als Bewegung vor jedem möglichen Ziel.
07
sehnsüchtig·nachdenken

Der Zug nach Norden

Jeden Abend fährt der Zug nach Norden
unter meinem Küchenfenster vorbei.
Ich kenne weder Fahrgäste noch Ziel,
nur das helle Rechteck der Fenster.
Manchmal stelle ich die Tasse ab
und folge dem Geräusch bis zur Brücke.
Sehnsucht ist dann kein bestimmter Ort,
sondern die Bewegung von etwas,
das ohne mich weiterfährt.