7 Gedichte

Gedichte zum Nachdenken über Gefühle

Sieben neue Gedichte über Freude, Wut, Scham, Angst, Neid und Ambivalenz ohne einfache Moral.

Gefühle sind Informationen und Erfahrungen, keine eindeutigen Anweisungen. Sie können gleichzeitig auftreten, sich verändern und körperlich bemerkbar werden.

Diese Originalgedichte laden zum Nachdenken ein, ohne psychologische Diagnosen oder Patentrezepte zu geben. Jede Szene bleibt offen genug für eigene Deutung.

01
angespannt·reflexion

Wut sitzt still

Meine Wut sitzt
mit verschränkten Armen neben mir.
Sie ruft heute nicht,
aber sie geht auch nicht.
Ich frage später,
welche Grenze sie bewacht.
02
ambivalent·lesen

Darf ich mich freuen?

Die gute Nachricht kommt
an einem schweren Tag.
Ich freue mich und schäme mich
für dieses helle Gefühl.
Doch zwei Wahrheiten
passen in denselben Körper.
03
ehrlich·diskussion

Der grüne Gast

Beim Erzählen deines Erfolgs
wird mein Lächeln schmal.
Neid setzt sich dazu,
obwohl ich ihn nicht eingeladen habe.
Ich höre ihm zu,
ohne ihm das Gespräch zu überlassen.
04
beklommen·lesen

Vor dem Anruf

Das Telefon liegt ruhig,
mein Herz tut es nicht.
Ich kenne die Nachricht noch nicht
und fürchte bereits ihre Form.
Angst baut Räume,
bevor eine Tür geöffnet wird.
05
verletzlich·reflexion

Heiße Wangen

Meine Wangen werden heiß,
als jemand den Fehler nennt.
Ich möchte kleiner werden
als der Stuhl unter mir.
Später bleibt die Frage:
Was gehört mir, was nicht?
06
erleichtert·karte

Nach dem Ergebnis

Nach dem Ergebnis sinken
meine Schultern merklich ab.
Die Erleichterung ist leise,
fast erschöpft vom Warten.
Auch ein gutes Gefühl
kann müde ankommen.
07
nachdenklich·lesen

Im inneren Hausflur

Manche Gefühle klingeln nicht.
Sie stehen plötzlich im Hausflur,
stellen nasse Schuhe neben die Tür
und bleiben länger als erwartet.
Ich kann sie nicht hinausreden.
Also hänge ich ihre Jacke auf,
frage vorsichtig nach ihrem Namen
und warte, bis aus dem fremden Besuch
ein Teil meiner Geschichte wird.