7 Gedichte

Lange Gedichte

Sieben neue längere Gedichte mit erzählerischem Raum über Stadt, Familie, Arbeit und Erinnerung.

Ein langes Gedicht braucht mehr als zusätzliche Zeilen. Es muss Bewegung, Perspektivwechsel oder eine kleine Handlung tragen, damit Länge nicht zu Wiederholung wird.

Diese Originalgedichte bleiben unter dem vereinbarten Wortlimit, nutzen aber mehr Raum als die übrigen Kurzformen. Jede Szene entwickelt einen eigenen inneren Bogen.

01
beobachtend·lesen

Die Wäscherei am Morgen

Um sechs öffnet die Wäscherei,
Licht fällt auf leere Trommeln.
Eine Frau sortiert Hemden,
prüft Taschen auf vergessene Zettel.
Draußen beginnt der Berufsverkehr,
drinnen drehen sich erste Ladungen.
Aus Schmutz, Wasser und Wärme
wird für fremde Menschen Ordnung.
Am Mittag riechen ihre Hände
nach Seife und Metall.
02
urban·vorlesen

Buslinie sieben

Die Sieben fährt vom Krankenhaus
bis hinter den alten Hafen.
Morgens steigen müde Pfleger ein,
später Schülerinnen mit lauten Taschen.
Am Markt füllt sich der Gang,
ein Rollstuhl braucht geduldigen Platz.
Jede Haltestelle tauscht Geschichten,
ohne eine ganz zu erzählen.
Abends kennt der Fahrer nur
die Summe vieler kurzer Wege.
03
wehmütig·lesen

Das verkaufte Haus

Wir öffnen Schränke zum letzten Mal,
finden Knöpfe, Fotos und Staub.
Im Garten trägt der Apfelbaum
noch die Schaukel ohne Brett.
Eine Maklerin misst Zimmer,
während wir Namen hineinsprechen.
Das Haus gehört bald anderen,
doch nicht unsere ganze Vergangenheit.
Wir schließen die Tür ab
und behalten keinen Schlüssel.
04
träumerisch·vorlesen

Nachtzug nach Süden

Der Nachtzug verlässt die Stadt,
Fenster tragen unser Spiegelbild.
Im Abteil faltet jemand Kleidung,
ein Kind fragt nach dem Meer.
Felder verschwinden ohne Farbe,
Bahnhöfe blitzen kurz auf.
Wir schlafen in fremder Bewegung
und wachen zwischen Bergen.
Die Reise hat nachts
unbemerkt die Landschaft gewechselt.
05
innig·gedenken

Das Werkzeug des Großvaters

Nach seinem Tod teilen wir
Bücher, Tassen und Werkzeug.
Der alte Hobel bleibt übrig,
weil niemand ihn benutzen kann.
Ich nehme ihn trotzdem mit,
lerne später seine Bewegung.
Holz kräuselt sich auf der Bank,
der Griff wärmt in meiner Hand.
Erinnerung wird nicht zum Denkmal,
sondern wieder ein Werkzeug.
06
lebhaft·vorlesen

Das abgesagte Straßenfest

Am Mittag hängen Girlanden,
Tische stehen entlang der Straße.
Dann kommt Regen ohne Pause,
Musik flüchtet unter Planen.
Niemand will zuerst aufgeben,
Kinder tanzen in Gummistiefeln.
Nachbarn tragen Suppe ins Treppenhaus,
Stühle folgen dicht dahinter.
Das Fest verliert seine Straße
und findet ein gemeinsames Dach.
07
erzählerisch·vorlesen

Der Weg durch den ganzen Tag

Am Morgen verlasse ich das Haus,
noch bevor die Bäckerei öffnet.
Der Weg führt am Fluss entlang,
durch Lärm, Regen und einen stillen Park.
Mittags verliere ich meine Richtung,
finde dafür ein Café und ein Gespräch.
Als abends die Straßenlampen angehen,
trage ich mehr als meine Schritte heim:
den langen Zusammenhang eines Tages,
der nicht in wenige Zeilen passen wollte.