6 Gedichte

Gedichte über Paris

Neue kurze und längere Gedichte über Paris zwischen Métro, Seine, Seitenstraßen, Regen und alltäglichem Stadtleben.

Paris besteht nicht nur aus bekannten Ansichten. Die Stadt zeigt sich ebenso in einer überfüllten Métro, im frühen Lieferverkehr und an einem stillen Tisch hinter beschlagenem Glas.

Diese Originalgedichte vermeiden geliehene Romantik. Sie beobachten verschiedene Viertel, Tageszeiten und Reisende mit konkreten, eigenständigen Bildern.

01
beobachtend·lesen

Métro am Morgen

Die Türen schließen mit einem Ton.
Ein Akkordeon verstummt.
Unter der Stadt fahren wir
für drei Stationen gemeinsam
durch dieselbe dunkle Röhre.
02
ruhig·karte

Seine im Regen

Der Regen glättet die Seine.
Boote ziehen matte Linien.
Unter der Brücke wartet jemand,
bis sein durchnässter Stadtplan
wieder eine Richtung kennt.
03
warm·vorlesen

Bäckerei vor acht

Vor acht Uhr riecht die Straße
nach Brot und nassem Stein.
Ein Fahrer stapelt leere Kisten,
eine Frau trägt Blumen nach Hause.
Paris beginnt hier ohne Postkarte,
aber mit warmem Papier um ein Baguette.
04
gelassen·lesen

Bank am Kanal

Am Canal Saint-Martin sitzen wir
mit Kaffee in dünnen Bechern.
Fahrräder klappern über die Brücke,
ein Hund beobachtet das Wasser.
Niemand muss Sehenswürdigkeiten zählen;
der Nachmittag findet uns von allein.
05
neugierig·vorlesen

Der falsche Ausgang

Wir nehmen in Châtelet den falschen Ausgang
und stehen plötzlich in einer Seitenstraße,
die auf keiner geplanten Route liegt.
Ein Gemüsehändler ruft Preise,
über uns werden Fensterläden geöffnet,
ein Motorroller streift beinahe unseren Koffer.
Wir drehen die Karte, lachen
und lassen den Eiffelturm für später.
Die Stadt beginnt genau dort,
wo unser Plan nicht weiterweiß.
06
wehmütig·lesen

Letzter Abend

Am letzten Abend gehen wir langsam,
weil kein Ziel mehr erreicht werden muss.
Die Seine trägt Licht unter den Brücken,
Stühle werden in Cafés gestapelt,
und irgendwo fällt eine Flasche in Glas.
Morgen wird der Bahnhof früh sein.
Heute gehört uns noch diese Stunde,
in der eine fremde Stadt
für kurze Zeit vertraute Geräusche hat.