7 Gedichte

Reisegedichte

Sieben neue Gedichte über Abfahrt, Fremdheit, Begegnung und Rückkehr beim Reisen.

Reisen besteht nicht nur aus Sehenswürdigkeiten. Fahrpläne, Müdigkeit, Sprachgrenzen, Arbeit und verantwortliches Verhalten gehören ebenso zu unterwegs gemachten Erfahrungen.

Diese Originalgedichte vermeiden exotisierende Blicke. Sie erzählen konkrete Wege und lassen besuchte Orte mehr sein als Kulissen.

01
erwartungsvoll·lesen

Abfahrtshalle

Koffer rollen über Stein,
Anzeigen wechseln ihre Zeilen.
Jemand umarmt zu lange,
ein Kind zählt Flugzeuge.
Jede Reise beginnt
mit einem kleinen Verlust von Nähe.
02
offen·vorlesen

Der falsche Bus

Ich steige in den falschen Bus
und merke es drei Haltestellen später.
Die Fahrerin erklärt geduldig
den Weg zurück.
Mein Umweg zeigt Wohnstraßen,
die kein Reiseführer kennt.
03
respektvoll·schule

Wäscheleine im Hof

Im Hof hängt Wäsche
zwischen zwei alten Mauern.
Ich hebe die Kamera nicht.
Dieser Alltag gehört Menschen,
nicht meiner Sammlung schöner Bilder.
04
weit·lesen

Auf der Nachtfähre

Die Fähre verlässt Lichter,
der Wind leert das Deck.
Unter uns arbeitet Wasser,
vor uns liegt kein Ufer.
Reisen wird für Stunden
zu einem schwankenden Zimmer.
05
dankbar·karte

Ein Wort im Café

Ich bestelle mit einem Wort,
das vermutlich falsch klingt.
Die Kellnerin versteht trotzdem
und antwortet langsam.
Zwischen zwei Sprachen entsteht
ein freundlicher kleiner Tisch.
06
nachdenklich·lesen

Die Küche nach der Reise

Zu Hause riecht die Küche
nach geschlossenen Fenstern.
Der Kühlschrank ist fast leer,
der Schlüssel passt sofort.
Rückkehr zeigt, wie fremd
auch Vertrautes kurz werden kann.
07
reisefreudig·lesen

Zehn Minuten Aufenthalt

Der Zug hält zehn Minuten
in einer Stadt ohne Bedeutung für meinen Plan.
Ich steige aus, kaufe einen Kaffee,
sehe Türme hinter dem Bahnhofsdach.
Eine Sprache klingt anders als erwartet,
ein Hund schläft neben Koffern.
Dann ruft die Anzeige zur Weiterfahrt.
Von der fremden Stadt bleibt
ein warmer Becher und die Lust wiederzukommen.