7 Gedichte

Schöne Gedichte zum Nachdenken

Sieben neue nachdenkliche Gedichte über Entscheidungen, Wahrnehmung, Verantwortung und das Unabgeschlossene.

Schönheit in Reflexionslyrik entsteht nicht aus fertigen Lebensweisheiten. Eine genaue Frage oder widersprüchliche Szene kann länger wirken als eine Moral.

Diese Originalgedichte lassen Deutung offen. Sie vermeiden Kalendersprüche und erklären ihre Bilder nicht am Schluss.

01
fragend·reflexion

Die zweite Tür

Im Flur stehen zwei Türen,
beide führen nach draußen.
Ich wähle die linke
und frage später nach der rechten.
Entscheidung schafft Wege
und unsichtbare Möglichkeiten.
02
kritisch·diskussion

Am Flussufer

Am Flussufer liegt
eine Flasche von jemand anderem.
Ich hebe sie auf
und ärgere mich dabei.
Verantwortung fühlt sich
nicht immer gerecht an.
03
wach·schule

Die schnelle Meinung

Eine Schlagzeile gibt mir
eine fertige schnelle Meinung.
Ich trage sie kurz,
dann prüfe ich ihre Nähte.
Nicht jeder passende Satz
gehört wirklich zu mir.
04
nachdenklich·lesen

Die alte Karte

Die Karte zeigt eine Brücke,
die längst abgerissen ist.
Trotzdem führt sie mich
zu einem unerwarteten Ufer.
Auch falsche Orientierung
kann etwas sichtbar machen.
05
still·karte

Auf dem Tisch

Eine Frage liegt
seit Wochen auf meinem Tisch.
Ich räume Bücher darum,
aber sie bleibt frei.
Vielleicht braucht Denken
mehr Platz als Antwort.
06
nüchtern·lesen

Drei Stockwerke

Im Aufzug sehe ich
mein Gesicht drei Stockwerke lang.
Ich korrigiere den Kragen,
nicht den müden Blick.
Manche Begegnung mit sich
ist angenehm begrenzt.
07
nachdenklich·lesen

Das ungeöffnete Fenster

Jeden Morgen ziehe ich den Vorhang auf,
doch das Fenster bleibt geschlossen.
Draußen bewegen sich Zweige im Wind,
ein Lieferwagen hält, jemand grüßt.
Heute drehe ich endlich den Griff.
Kalte Luft bringt Straßengeräusche herein
und wirft einen Zettel vom Tisch.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit Mut,
sondern mit einem kleinen Luftzug.