7 Gedichte

Sonntagsgedichte

Sieben neue Gedichte über Sonntage zwischen Ruhe, Arbeit, Einsamkeit, Familie und öffentlichem Leben.

Sonntag ist nicht für alle arbeitsfrei oder harmonisch. Gottesdienst, Schichtdienst, Besuch, Stille und Freizeit prägen sehr unterschiedliche Tage.

Diese Originalgedichte beobachten konkrete Sonntage ohne nostalgische Norm. Sie lassen religiöse und säkulare Erfahrungen nebeneinander stehen.

01
sachlich·lesen

Vor sieben

Vor sieben öffnet
die Bäckerin ihre Ladentür.
Draußen nennt die Straße
den Morgen noch ruhig.
Sonntagsfrühstück beginnt
mit der Arbeit anderer.
02
einsam·karte

Der lange Nachmittag

Am Sonntagnachmittag klingelt
kein Telefon in der Wohnung.
Die Uhr wirkt lauter,
der Park liegt zu weit.
Ruhe kann Nähe sein
oder ihre Abwesenheit.
03
warm·vorlesen

Zwölf Uhr dreißig

Um zwölf Uhr dreißig
stehen vier Schüsseln auf dem Tisch.
Jemand kommt zu spät,
ein Kind mag nichts davon.
Familienrituale leben
von kleinen Abweichungen.
04
würdig·diskussion

Im Krankenhaus

Im Krankenhaus trägt Sonntag
dieselben langen weißen Flure.
Besuche dauern etwas länger,
Medikamente bleiben pünktlich.
Der Kalender ruht,
die Pflege arbeitet weiter.
05
beobachtend·schule

Glocken über Dächern

Glocken ziehen morgens
über Dächer und Balkone.
Manche folgen ihrem Ruf,
andere drehen sich im Bett um.
Eine Stadt hört
denselben Klang verschieden.
06
nachdenklich·lesen

Die Tasche im Flur

Am Sonntagabend steht
die Arbeitstasche wieder im Flur.
Noch läuft ein Film,
der Montag wartet unsichtbar.
Zwischen Ruhe und Pflicht
liegt eine letzte Stunde.
07
ruhig·lesen

Die langsame Stunde

Am Sonntag bleibt die Straße
länger leer als an anderen Tagen.
Zeitung raschelt hinter einem Fenster,
in der Küche läuft der erste Kaffee.
Niemand verlangt sofort eine Antwort.
Die Woche liegt noch zusammengefaltet
auf dem Stuhl neben der Tür.
Für eine langsame Stunde
darf alles sein, ohne weiterzumüssen.