6 Gedichte

Gedichte über Augen

Neue kurze und längere Gedichte über Blicke, Augenfarben, Sehen, Nähe und die Momente, in denen Worte nicht genügen.

Augen verraten nicht automatisch die Wahrheit, aber ein Blick kann Nähe, Müdigkeit, Neugier oder Zurückhaltung sichtbar machen.

Diese Originalgedichte wechseln zwischen kleinen Beobachtungen und längeren Szenen. Sie handeln vom Sehen und Gesehenwerden, ohne Augen zu gefälligen Spiegeln der Seele zu erklären.

01
nah·lesen

Im Rückspiegel

An der roten Ampel sehe ich
deine Augen nur im Rückspiegel.
Sie fragen nichts,
doch ich antworte trotzdem
mit einem kurzen Lächeln.
02
zärtlich·karte

Ohne Brille

Ohne Brille wird der Morgen weich.
Die Häuser verlieren ihre Kanten,
das Laub verschwimmt zu Grün,
nur deine Stimme findet mich
ganz ohne scharfe Kontur.
03
beobachtend·vorlesen

Der Blick der Kassiererin

Die Kassiererin hebt kurz die Augen,
als meine Münzen zu Boden fallen.
Kein Ärger liegt darin, nur Geduld.
Hinter mir verstummt das Drängeln,
bis wir den letzten Cent gefunden haben.
04
ruhig·lesen

Grüne Augen im Regen

Unter der Haltestelle tropft Wasser
von deiner Kapuze auf den Boden.
Deine grünen Augen wirken dunkler,
weil der Himmel jede Farbe dämpft.
Dann kommt der Bus, und plötzlich
leuchtet das Glas voller Stadtlichter.
05
erinnernd·nachdenken

Was die Augen lernen

Als Kind sah ich im alten Garten
nur Schaukeln, Kirschen und hohes Gras.
Heute erkenne ich die schiefe Mauer,
den Rost am Tor, die müden Stufen.
Doch zwischen all den Spuren
findet mein Blick noch immer den Ast,
auf dem wir heimlich saßen,
und für einen Atemzug
wird Sehen zu Erinnern.
06
angespannt·vorlesen

Im Wartezimmer

Wir sitzen einander gegenüber,
vier Fremde unter weißem Licht.
Eine Frau liest, ohne umzublättern,
ein Junge zählt Fliesen mit den Augen.
Als eine Tür geöffnet wird,
schauen alle gleichzeitig auf.
In diesem kurzen gemeinsamen Blick
liegen Hoffnung, Sorge und Erleichterung,
noch bevor ein Name fällt.