7 Gedichte

Gedichte über das Herz

Sieben neue Gedichte über das Herz als Organ, Metapher und wahrnehmbaren Rhythmus.

Das Herz trägt medizinische Wirklichkeit und eine lange Bildgeschichte. Zwischen Puls, Angst, Liebe und körperlicher Belastung entstehen unterschiedliche Erfahrungen.

Diese Originalgedichte vermeiden Gesundheitsversprechen und abgenutzte Liebesformeln. Sie verbinden Körperbeobachtung mit konkreten Situationen.

01
konzentriert·lesen

Puls am Handgelenk

Zwei Finger liegen ruhig
auf meinem Handgelenk.
Unter der Haut antwortet
ein regelmäßiger kleiner Stoß.
Das Herz bleibt verborgen
und macht sich dennoch bemerkbar.
02
lebhaft·schule

Nach dem Lauf

Am Ziel schlägt mein Herz
laut gegen die Rippen.
Atem kommt in Stücken,
Schweiß kühlt auf der Stirn.
Langsam findet der Körper
seinen stilleren Takt zurück.
03
angespannt·lesen

Vor der Untersuchung

Im Wartezimmer hört niemand
mein schnelles Herz.
Die Uhr klingt viel ruhiger,
als wäre nichts ungewiss.
Dann ruft eine Stimme meinen Namen
und der Flur wird Weg.
04
zärtlich·karte

Gemaltes Herz

Ein Kind malt ein Herz
mit zwei ungleichen Bögen.
Es klebt die Karte
an den Kühlschrank der Großmutter.
Zuneigung braucht keine Anatomie,
um dort richtig anzukommen.
05
traurig·gedenken

Schweres Herz

Nach deinem Abschied fühlt
die Brust sich wirklich schwer an.
Keine Metapher hebt das Gewicht,
kein Rat beschleunigt es.
Ich trage diesen Tag
mit langsamen, gewöhnlichen Schritten.
06
innig·vorlesen

Beim Tanzen

Beim Tanzen finde ich
nicht sofort deinen Rhythmus.
Wir stolpern, beginnen neu,
hören genauer aufeinander.
Zwei Herzen müssen nicht gleich schlagen,
um gemeinsam weiterzugehen.
07
achtsam·lesen

Im dritten Stock

Im dritten Stock bleibe ich stehen,
weil mein Herz schneller ist als geplant.
Es schlägt nicht als Symbol,
sondern kräftig unter Hemd und Haut.
Ich atme am Geländer, höre Schritte,
dann wird der Rhythmus wieder ruhiger.
So erinnert mich dieser Muskel daran,
dass jedes große Gefühl
auch einen ganz körperlichen Takt besitzt.