7 Gedichte

Frühlingsgedichte

Sieben neue Frühlingsgedichte über wechselhaftes Wetter, Stadtbäume, Gartenarbeit, Vogelzug und die langsame Rückkehr von Farbe und Wärme.

Frühling besteht nicht nur aus Sonnenschein und Blüten. Kalte Morgen, matschige Wege und verspätete Knospen gehören ebenso zu dieser unruhigen Jahreszeit.

Die folgenden Originalgedichte beobachten verschiedene Orte und Tempi. Sie eignen sich zum Lesen, Vortragen und für den Unterricht, ohne bekannte Frühlingsverse nachzuahmen.

01
hoffnungsvoll·lesen

Der erste offene Balkon

Eine Nachbarin stellt den Stuhl
zögernd auf den Balkon.
Die Sonne reicht für zehn Minuten,
der Wind trägt noch den Wintermantel.
Trotzdem bleibt die Tür
bis zum Abend einen Spalt offen.
02
beobachtend·schule

Zwischen Fahrplan und Krokus

Neben der Bushaltestelle
drückt ein Krokus durch graue Erde.
Drei Menschen prüfen ihre Uhren,
keiner bemerkt das kleine Violett.
Der Frühling kommt auch dort,
wo niemand auf ihn wartet.
03
spielerisch·vorlesen

Falsche Jacke

Am Morgen war sie zu dünn,
am Mittag viel zu warm.
Jetzt hängt meine Jacke am Arm,
während Hagel auf Dächer springt.
Der April beantwortet
jede Wetterfrage mit vielleicht.
04
erdverbunden·lesen

Erde unter den Nägeln

Wir lockern den schweren Boden,
setzen Erbsen in eine Reihe.
Unter den Nägeln bleibt Erde,
im Rücken die ungewohnte Arbeit.
Frühling ist manchmal
weniger Duft als geduldiges Graben.
05
lebendig·schule

Haken über dem Hof

Zwei Schwalben schneiden Bögen
über den noch leeren Hof.
Ihre Rufe treffen Mauern,
die den ganzen Winter schwiegen.
Niemand hängt ein Schild auf,
doch die Luft heißt sie willkommen.
06
achtsam·karte

Die zugedeckten Beete

In der Nacht droht noch Frost,
wir tragen Tücher in den Garten.
Junge Blätter verschwinden darunter,
als gingen sie früh schlafen.
Der Frühling braucht Fürsorge,
weil Anfang nicht Sicherheit bedeutet.
07
leicht·lesen

Der erste Tisch draußen

Vor dem Café steht der erste Tisch draußen.
Die Bedienung wischt Pollen von den Stühlen,
zwei Gäste behalten noch ihre Mäntel an.
Neben den Tassen liegt plötzlich Sonnenlicht.
Niemand nennt diesen Morgen bedeutend,
doch alle bleiben etwas länger sitzen.
Der Frühling beginnt manchmal nicht im Wald,
sondern mit einem Kaffee,
der im Freien langsam kalt wird.