7 Gedichte

Gedichte für den verstorbenen Vater

Sieben behutsame Originalgedichte über die Trauer um einen verstorbenen Vater, ambivalente Erinnerungen und fortwirkende Beziehung.

Der Tod eines Vaters kann Liebe, Wut, Erleichterung, Schuld oder Leere auslösen. Nicht jede Beziehung war einfach, und Trauer folgt keinem einheitlichen Ablauf.

Diese Gedichte vermeiden religiöse Gewissheiten und fertige Trostsätze. Sie geben unterschiedlichen Erinnerungen Raum und eignen sich für stilles Lesen oder Gedenken.

01
trauernd·lesen

Deine alte Uhr

Deine alte Uhr liegt
seit Monaten in der Schublade.
Ich ziehe sie nicht auf,
doch kann sie nicht weggeben.
Ihre stillen Zeiger bewahren
keine Zeit, sondern Berührung.
02
ambivalent·karte

Dein ungefragter Rat

Manchmal höre ich noch
deinen ungefragten Rat im Kopf.
Früher machte er mich wütend,
heute fehlt sogar der Streit.
Trauer glättet nicht alles,
sie lässt Widersprüche mitgehen.
03
nostalgisch·gedenken

Die Werkzeugkiste

In deiner Werkzeugkiste liegt
ein Bleistift voller Sägemehl.
Ich kenne nicht jedes Werkzeug,
aber deine Ordnung darin.
Beim Öffnen riecht der Keller
für einen Moment nach früher.
04
wehmütig·lesen

Geburtstag ohne dich

An meinem Geburtstag fehlt
dein zu früher Anruf.
Das Telefon bleibt gewöhnlich still,
obwohl viele andere schreiben.
Ein fehlender Ton kann
den ganzen Morgen verändern.
05
nüchtern·karte

Am Grab im Regen

Der Regen sammelt sich
auf den Buchstaben deines Namens.
Ich bleibe nur kurz,
weil Kälte durch die Jacke zieht.
Liebe misst sich nicht daran,
wie lange jemand am Grab steht.
06
klar·gedenken

Was ich weitertrage

Ich trage nicht alles weiter,
was du mir beigebracht hast.
Manches behalte ich,
manches endet bewusst bei mir.
Auch darin bleibt Beziehung:
in Auswahl statt blinder Wiederholung.
07
trauernd·gedenken

Die Gläser über der Werkbank

An deiner Werkbank liegen Schrauben
noch in den beschrifteten Gläsern.
Der Hammer trägt die Spur deiner Hand,
der Zollstock klappt nicht mehr ganz gerade.
Ich wollte nur eine Zange holen
und bleibe länger im Keller stehen.
Trauer kommt heute nicht als Träne,
sondern als genauer Blick
auf alles, was du berührt hast.