7 Gedichte

Gedichte zum Tod der Mutter

Sieben behutsame Originalgedichte über den Tod einer Mutter, Trauer, Erinnerung und widersprüchliche Beziehungen.

Der Tod einer Mutter kann tiefe Nähe, komplizierte Geschichte, Leere oder auch gemischte Gefühle hinterlassen. Kein Text sollte eine bestimmte Form von Trauer verlangen.

Diese Gedichte verzichten auf religiöse Gewissheiten und schnelle Tröstung. Sie eignen sich für stille Lektüre, Karten und persönliche Gedenkmomente.

01
still·gedenken

Ihre Tasse

Ihre Tasse steht
noch hinten im Schrank.
Niemand benutzt sie,
niemand räumt sie fort.
Trauer bewahrt manchmal
einen gewöhnlichen Gegenstand
an seinem vertrauten Platz.
02
traurig·lesen

Die gespeicherte Nummer

Deine Nummer bleibt
in meinem Telefon gespeichert.
Ich weiß, dass niemand antwortet,
und lösche sie trotzdem nicht.
Manche Abschiede erreichen
die Kontaktliste sehr spät.
03
ambivalent·gedenken

Keine einfache Erinnerung

Nicht jede Erinnerung an dich
ist freundlich oder leicht.
Dein Tod macht unsere Geschichte
nicht plötzlich ohne Wunden.
Ich trauere um dich
und um das Fehlende.
04
menschlich·vorlesen

Nach der Beerdigung

Nach der Beerdigung schneiden
wir Kuchen in zu viele Stücke.
Jemand erzählt eine lustige Szene,
wir lachen und erschrecken.
Trauer kennt Momente,
die nicht nach Trauer aussehen.
05
innig·gedenken

Im Garten meiner Mutter

Im Garten meiner Mutter
blühen Pflanzen ohne sie.
Ich kenne nicht alle Namen,
aber ihren Platz im Beet.
Pflege wird Erinnerung
mit Erde unter den Nägeln.
06
wehmütig·karte

Der fehlende Anruf

An meinem Geburtstag wartet
ein Teil von mir auf deinen Anruf.
Der Tag bleibt freundlich,
doch diese Stunde hat eine Lücke.
Liebe verschwindet nicht,
aber sie kann nicht mehr wählen.
07
tröstlich·gedenken

Ihr Rezeptbuch

Zwischen den Seiten ihres Rezeptbuchs
liegt Mehl, obwohl niemand mehr backt.
Am Rand stehen Mengen, Namen, Änderungen,
manchmal nur ein energisches Ausrufezeichen.
Ich koche heute eines ihrer Gerichte
und halte mich nicht genau daran.
Der Geschmack ist anders, aber vertraut genug,
um sie für einen Moment
nicht nur zu vermissen, sondern zu hören.