7 Gedichte

Gedichte über den Tod

Sieben behutsame Originalgedichte über Tod, Endlichkeit, Abschied und Erinnerung ohne feste religiöse Deutung oder vereinfachende Trostversprechen.

Gedichte über den Tod können Fragen tragen, für die es keine gemeinsame Antwort gibt. Trauer, Angst, Ruhe, Wut und Erinnerung dürfen gleichzeitig vorkommen.

Diese Texte behaupten nichts über ein Danach. Sie bleiben bei menschlichen Erfahrungen und eignen sich für stille Lektüre, Gedenken oder ein vorsichtiges Gespräch.

01
ernst·gedenken

Das offene Fenster

Nach dem letzten Atemzug
öffnet jemand leise das Fenster.
Draußen fährt ein Fahrrad vorbei,
ein Lieferwagen hält.
Der Tod verändert ein Zimmer,
die Straße kennt den Zeitpunkt nicht.
02
traurig·lesen

Nicht mehr anrufen

Dein Name bleibt im Adressbuch,
die Nummer führt ins Leere.
Mein Finger hält darüber inne,
obwohl ich es längst weiß.
Der Tod löscht keinen Kontakt
aus der Bewegung der Erinnerung.
03
behutsam·gespraech

Eine ehrliche Antwort

Das Kind fragt, wo du bist.
Ich erfinde keinen sicheren Himmel.
Ich sage: Du bist gestorben,
und wir vermissen dich.
Dann warten wir gemeinsam
auf die nächste schwere Frage.
04
schwer·gedenken

Erde auf dem Holz

Regen sammelt sich auf Mänteln,
Erde fällt dumpf auf Holz.
Jede Person hört
einen anderen endgültigen Klang.
Wir gehen gemeinsam fort,
aber niemand trauert denselben Weg.
05
verletzlich·reflexion

Die unruhige Nacht

Manchmal fürchte ich den Tod
mitten in einer gewöhnlichen Nacht.
Kein kluger Satz hilft,
nur dein Atem neben mir.
Endlichkeit wird nicht kleiner,
doch der Augenblick bleibt bewohnbar.
06
warm·karte

Das Rezept bleibt

Dein Apfelkuchen gelingt mir
noch immer nicht ganz.
Ich ändere die Temperatur,
benutze dieselbe alte Form.
Der Tod beendet dein Kochen,
nicht unser Gespräch mit dem Rezept.
07
trauernd·gedenken

Der Mantel bleibt

Der Mantel hängt noch an der Garderobe,
obwohl niemand ihn wieder anziehen wird.
In der Tasche liegt eine Fahrkarte,
ein Bonbon, ein gefalteter Einkaufszettel.
Der Tod erscheint nicht nur im Abschied,
sondern in solchen gewöhnlichen Dingen,
die ihren Besitzer verloren haben.
Wir lassen den Mantel noch hängen,
bis unsere Hände bereit sind.