7 Gedichte

Gedichte über den Baum des Lebens

Sechs neue Gedichte über den Baum des Lebens als Bild für Herkunft, Veränderung, Beziehungen und begrenztes Wachstum.

Der Baum des Lebens erscheint auf Schmuck, Bildern und Karten oft als fertiges Symbol. Interessanter wird er, wenn Wurzeln im Weg liegen, Äste abbrechen oder ein junger Trieb an einer unerwarteten Stelle wächst.

Diese Originalgedichte verwenden das Motiv zurückhaltend und ohne spirituelle Gewissheiten. Der Baum steht jeweils in einer konkreten Szene und darf für Familie, Veränderung oder Zeit stehen, ohne jede Erfahrung gleich zu deuten.

01
nachdenklich·lesen

Wurzeln unter dem Weg

Die Wurzeln heben Pflastersteine,
der Weg wird uneben.

Was den Baum festhält,
bringt meine Schritte aus dem Takt.
Herkunft trägt nicht nur.
Manchmal verlangt sie Aufmerksamkeit.
02
ruhig·karte

Ein Ring im Holz

Im gefällten Stamm liegen Jahre
als helle und dunkle Kreise.

Keiner zeigt allein,
welcher Sommer leicht war.
Das Holz bewahrt die Zeit,
ohne sie für uns zu erklären.
03
zuversichtlich·lesen

Der abgebrochene Ast

Ein Ast fehlt seit dem Sturm,
die Krone bleibt ungleich.

Im Frühjahr wachsen Blätter
auch an der Bruchstelle vorbei.
Der Baum wird nicht wie früher.
Er wird auf andere Weise ganz.
04
hoffnungsvoll·vorlesen

Setzling im Hinterhof

Wir pflanzen einen kleinen Baum
zwischen Mülltonnen und Mauer.

Sein Schatten reicht noch nirgends,
der Pfahl ist höher als er.
Trotzdem planen zwei Kinder
bereits ein späteres Baumhaus.
05
warm·karte

Zwei Äste

Zwei Äste wachsen auseinander,
beide aus demselben Stamm.

Der eine erreicht das Dach,
der andere hängt über dem Garten.
Nähe braucht nicht immer
die gleiche Richtung im Licht.
06
zurückhaltend·lesen

Blatt im Familienbuch

Zwischen alten Namen liegt
ein gepresstes grünes Blatt.

Niemand weiß, wer es einlegte
oder von welchem Baum.
Es gehört zur Geschichte,
gerade weil die Erklärung fehlt.
07
hoffnungsvoll·nachdenken

Was die Jahresringe erzählen

Im Stamm liegen helle und dunkle Jahre
dicht nebeneinander verborgen.
Kein Ring erklärt, warum der Sommer trocken
oder der Winter besonders lang war.

Der Baum trägt alles im eigenen Holz:
Stürme, neue Zweige, verlorene Äste.
Trotzdem öffnet er jeden Frühling Knospen,
nicht weil Vergangenes verschwunden wäre,
sondern weil Wachstum auch bedeutet,
mit der ganzen Geschichte weiterzuleben.