7 Gedichte

Gedichte über den Sternenhimmel

Sechs neue Gedichte über den Sternenhimmel, beobachtet vom Balkon, vom Feld, aus dem Zug und in einer Nacht ohne klare Sicht.

Ein Sternenhimmel ist nicht überall gleich sichtbar. Zwischen Straßenlaternen bleiben nur wenige Punkte, während auf einem dunklen Feld plötzlich mehr Licht erscheint, als der Blick ordnen kann.

Diese Originalgedichte verbinden den Himmel mit konkreten Orten und Menschen. Die Sterne liefern keine fertigen Antworten; sie begleiten eine Zugfahrt, eine Nachtwache, ein Gespräch oder schlicht den Versuch, genauer hinzusehen.

01
vertraut·lesen

Drei Sterne über dem Balkon

Zwischen Häusern und Laternen
sehen wir genau drei Sterne.

Du behauptest, einer sei ein Planet.
Ich prüfe es nicht nach.
Für diesen kleinen Balkon
reicht unsere ungenaue Karte.
02
staunend·vorlesen

Feldweg ohne Lampen

Hinter dem Dorf endet
die letzte Straßenlaterne.

Der Himmel gewinnt plötzlich Tiefe,
wir verlieren unsere Stimmen.
Im Gras raschelt etwas,
und die Erde holt uns zurück.
03
ruhig·lesen

Nachtzugfenster

Im Zugfenster spiegeln sich
mein Gesicht und die Leselampe.

Dahinter ziehen Sterne mit,
verschwinden an jedem Bahnhof.
Nur auf freier Strecke
gehört die Scheibe wieder der Nacht.
04
gelassen·karte

Wolken über der Sternwarte

Wir fahren eine Stunde hinaus,
dann ziehen Wolken auf.

Das Teleskop bleibt geschlossen,
der Himmel eine graue Fläche.
Der Rückweg ist trotzdem dunkel
und unser Gespräch ungewöhnlich lang.
05
still·lesen

Schichtpause um drei

Um drei trete ich hinaus,
die Fabrik brummt hinter mir.

Über dem Parkplatz steht
ein erstaunlich klarer Himmel.
Fünf Minuten lang zählt
keine Uhr meine Arbeit.
06
nachdenklich·karte

Der letzte sichtbare Punkt

Der Morgen färbt den Osten,
die Sterne werden weniger.

Einer hält sich über dem Dach,
bis auch er verschwindet.
Nicht alles endet plötzlich.
Manches wird nur langsam unsichtbar.
07
staunend·vorlesen

Nacht über dem Feld

Hinter dem Dorf endet das Licht.
Wir gehen bis zum stillen Feld,
wo keine Laterne den Himmel verkleinert.
Über uns stehen Sterne in Entfernungen,
die kein Blick wirklich begreifen kann.

Trotzdem finden wir bekannte Linien,
geben drei Punkten einen Namen
und teilen für einen Moment dieselbe Richtung.
So wird aus unermesslicher Ferne
ein Ort, an dem wir gemeinsam stehen.