7 Gedichte

Gedichte über Nebel

Sieben neue Gedichte über Nebel in Stadt, Landschaft, Verkehr und persönlicher Wahrnehmung, ohne ihn nur als düsteres Symbol zu verwenden.

Nebel verändert Sichtweite, Geräusche und Bewegung. Er kann schön wirken und zugleich konkrete Vorsicht im Verkehr oder auf Wegen verlangen.

Diese Originalgedichte verbinden Wetterbeobachtung mit Alltagsszenen. Sie vermeiden historische Vorlagen und pauschale Schwermut.

01
still·lesen

Der fehlende Horizont

Auf dem Feldweg endet
die Sicht nach wenigen Schritten.
Bäume erscheinen einzeln,
der Horizont bleibt heute geschlossen.
Ich gehe langsamer
und höre meine Schuhe genauer.
02
achtsam·schule

Ampellicht

Im Nebel wird die Ampel
zu einem roten weichen Kreis.
Autos rollen vorsichtiger,
Reifen rauschen auf nasser Straße.
Wetter verändert
die Geschwindigkeit der Stadt.
03
ernst·vorlesen

Das Horn im Hafen

Ein tiefes Horn kommt
aus der weißen Hafenluft.
Das Schiff bleibt unsichtbar,
nur sein Warnruf bewegt sich.
Orientierung kann
als Klang durch Nebel reisen.
04
nachdenklich·diskussion

Über der Schicht

Vom Hügel sieht man
Sonne über einer Nebeldecke.
Im Tal fahren Menschen
durch dieselbe graue Schicht.
Standort entscheidet manchmal,
welches Wetter wir erzählen.
05
staunend·karte

Perlen im Netz

An jedem Faden hängen
winzige Tropfen aus Nebel.
Das Spinnennetz wird sichtbar,
obwohl die Spinne fehlt.
Feuchtigkeit zeichnet
eine sonst verborgene Arbeit.
06
klar·lesen

Gegen zehn

Gegen zehn wird
der Kirchturm wieder vollständig.
Dächer treten aus Weiß,
ein Bus erscheint an der Ecke.
Der Nebel geht,
ohne eine Grenze zurückzulassen.
07
still·nachdenken

Die verschwundene andere Seite

Im dichten Nebel endet die Brücke
nach wenigen Metern im milchigen Weiß.
Geländer, Laternen, meine eigenen Schritte
tauchen erst beim Näherkommen auf.
Der Fluss darunter bleibt unsichtbar,
aber sein Wasser ist deutlich hörbar.
Ich gehe langsam zur anderen Seite
und lerne unterwegs,
dass Unsichtbarkeit nicht Abwesenheit bedeutet.