7 Gedichte

Gedichte über Schnecken

Sieben neue Gedichte über Schnecken, ihre Bewegung, Lebensräume und Begegnungen mit menschlichen Gärten.

Schnecken sind weder bloße Schädlinge noch gemütliche Märchenfiguren. Feuchtigkeit, Boden und Schutzräume bestimmen ihr langsames sichtbares Leben.

Diese Originalgedichte beobachten konkrete Arten und Handlungen. Sie vermeiden falsche biologische Behauptungen und einfache Moralbilder.

01
achtsam·lesen

Schneckenweg nach Regen

Nach dem Regen überquert
eine Schnecke den Radweg.
Ihre glänzende Spur
endet noch vor dem Gras.
Ich steige ab
und setze sie in Laufrichtung weiter.
02
sachlich·schule

Das getragene Haus

Die Schnecke trägt
ein gewundenes Gehäuse.
Es ist kein Koffer,
sondern Teil ihres Körpers.
Ein bekanntes Bild
braucht manchmal genauere Sprache.
03
nüchtern·diskussion

Im Salatbeet

Nachts fehlen Blattränder,
Schleim glänzt auf Erde.
Die Gärtnerin stellt Bretter aus
und sammelt morgens Tiere ab.
Zusammenleben verlangt
praktische Grenzen ohne Gift.
04
beobachtend·schule

Ohne Gehäuse

Eine Nacktschnecke kriecht
unter feuchtem altem Holz.
Ihr Körper glänzt kupferfarben,
ein Laubblatt wird Nahrung.
Unbeliebt zu sein
ändert keine ökologische Rolle.
05
behutsam·lesen

In der Erde

Unter einem Topf liegen
kleine durchscheinende Schneckeneier.
Wir decken sie wieder zu
und wählen einen anderen Platz.
Neues Leben
kann sehr unscheinbar beginnen.
06
staunend·vorlesen

Hinter dem Kalkdeckel

Im Winter schließt
die Schnecke ihr Gehäuse ab.
Ein heller Kalkdeckel
trennt sie von kalter Frostluft.
Langsamkeit kennt
sehr wirksame Schutzformen.
07
achtsam·vorlesen

Überquerung am Morgen

Eine Schnecke überquert den Radweg
mit glänzender Spur und großem Ernst.
Fahrräder ziehen links und rechts vorbei,
ein Kind stellt sich schützend daneben.
Für drei Minuten wird der Schulweg
zu einer langsamen Verkehrsregel.
Dann erreicht die Schnecke das Gras,
das Kind fährt weiter,
und Eile beginnt wieder zu gelten.