7 Gedichte

Gedichte über Tulpen

Sieben neue Gedichte über Tulpen im Garten, in der Vase und auf dem Markt, über Farbe, Wachstum, Verblühen und eigensinnige Formen.

Tulpen wirken im Beet ordentlich, bis Wind, Regen oder eine besonders entschlossene Blüte die geplante Reihe verändern. In der Vase wachsen sie weiter und beugen sich oft dorthin, wo niemand sie hingestellt hat.

Diese Originalgedichte beobachten Tulpen in verschiedenen Situationen. Die Blumen stehen nicht automatisch für Liebe oder Frühling, sondern dürfen Farbe, Vergänglichkeit, Handel und kleinen Eigensinn zeigen.

01
leicht·vorlesen

Die krumme Reihe

Wir pflanzten alle Zwiebeln
in eine gerade Reihe.

Im April stehen die Tulpen
versetzt und unterschiedlich hoch.
Der Garten hat den Plan
auf seine Weise gelesen.
02
alltagsnah·lesen

Tulpen am Marktstand

Fünf Bündel stehen im Eimer,
rot, gelb, weiß und rosa.

Eine Frau wählt nur drei,
der Händler wickelt Papier darum.
Der Frühling kostet heute
vier Euro fünfzig pro Armvoll.
03
nachdenklich·karte

In der Vase weiter

Die Tulpen wachsen in der Vase
über den Rand hinaus.

Gestern standen sie gerade,
heute suchen sie das Fenster.
Auch abgeschnitten folgen sie
noch ihrer eigenen Richtung.
04
ruhig·lesen

Nach dem Nachtfrost

Am Morgen liegen die Tulpen
flach auf dem kalten Beet.

Mittags hebt die Sonne
Stiel für Stiel zurück.
Nicht jede Erholung
braucht eine sichtbare Eile.
05
heiter·vorlesen

Das gelbe Einzelstück

Im roten Beet steht
eine einzige gelbe Tulpe.

Niemand weiß, welche Zwiebel
beim Pflanzen falsch geriet.
Sie trägt den Irrtum
mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.
06
melancholisch·lesen

Blätter auf dem Tisch

Die Blütenblätter fallen
lautlos auf den Holztisch.

Ich wollte den Strauß
schon gestern entsorgen.
Heute ist seine letzte Form
flacher und ebenso farbig.
07
freundlich·vorlesen

Tulpen in der Straßenbahn

Eine Frau trägt Tulpen in der Straßenbahn,
fest in braunes Papier gewickelt.
Bei jeder Kurve nicken die Blüten
den müden Fahrgästen freundlich zu.
Niemand weiß, für wen sie bestimmt sind.
Doch zwischen Taschen, Mänteln und Telefonen
wandert für sechs Haltestellen
ein roter Frühlingsgruß
durch den grauen Feierabend.