6 Gedichte

Kurze Novembergedichte

Sechs kurze und eigenständige Originalgedichte über Novemberlicht, Nebel, Arbeit, Kälte und den täglichen Rückzug nach drinnen.

Der November wird oft nur als grau beschrieben. Doch seine kurzen Tage enthalten klare Geräusche, entlaubte Formen, frühe Innenräume und konkrete Vorbereitungen auf den Winter.

Diese Gedichte bleiben knapp und vermeiden pauschale Melancholie. Sie beobachten Stadt und Landschaft in unterschiedlichen Stimmungen.

01
gedämpft·lesen

Ampel im Nebel

Die Ampel erscheint zuerst
als roter Fleck im Nebel.
Dann kommen Straße, Fahrräder,
ein Bus aus grauer Luft.
Der November baut die Stadt
jeden Morgen langsam zusammen.
02
sachlich·schule

Laubabfuhr

Ein Wagen sammelt nasses Laub,
Besen kratzen über Asphalt.
Was gestern noch raschelte,
klebt heute schwer am Rand.
Herbst endet manchmal
mit kommunaler Arbeit.
03
müde·lesen

Licht um vier

Um vier gehen Lampen an,
obwohl der Tag noch arbeitet.
Im Büro spiegeln Fenster
Gesichter statt Himmel.
Der Abend kommt früh
und wartet vor der Tür.
04
klar·karte

Der kahle Apfelbaum

Der Apfelbaum zeigt Äste,
die im Sommer unsichtbar waren.
Ein letztes Blatt hält
an der unteren Gabel.
Der November macht Formen klar,
ohne sie zu erklären.
05
tröstlich·karte

Nasse Handschuhe

Die Handschuhe liegen
auf der warmen Heizung.
Draußen hat Regen
den Schulweg begleitet.
Bis morgen trocknen Finger
und ein schwieriger Tag.
06
still·vorlesen

Novemberfenster

Auf der Scheibe sammelt
sich Atem beim Warten.
Ich zeichne einen Kreis,
sehe kurz den Hof.
Dann schließt die Kälte
das kleine Fenster wieder.